Schauen durch das Fernglas nennt man hier Spiegeln

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Mein Name ist Evan Charles Antoine Ruetsch. Ich bin 27 Jahre alt, halb Italiener aus Apulien (Lecce) und halb Schweizer aus dem Jura (Delémont). Ich habe mich schon oft gefragt, ob man zwei Muttersprachen auf einmal lernen kann. Laut meiner Mutter geht das. Sie hat uns italienisch und französisch parallel beigebracht. Deutsch habe ich gelernt, als ich nach Zürich gezogen bin, wo ich zuerst eine Lehre als Metallbau/Schlosser abgeschlossen habe.

Englisch musste ich wegen meines Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste lernen, wo ich einen Bachelor in Fotografie abgeschlossen habe und momentan an meinem Master in Fine Arts (Bildende Kunst) dran bin. Tagtäglich verwende ich eine andere Sprache, um mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren. Französisch mit dem Vater, Italienisch und Französisch mit der Mutter und der Schwester, Spanisch und Englisch mit meinem Schwager und Deutsch mit den Freunden. Seit einer Woche bin ich in Schuders und mische irgendwie alle deutschschweizerischen Dialekte, die ich ein bisschen kenne, was ich ziemlich lustig finde, weil die Schuderser mich sehr wahrscheinlich immer noch besser verstehen, als ich sie verstehe.

Bald darf ich auch in das prättigauer Wörterbuch von Bernhard und Heidi Thöny-Imhof (meine Gastfamilie in Schuders) reinschauen. Zweimal in der Woche arbeite ich mit Bernhard im Wald und helfe bei der Forstarbeit mit. Mit ihm durfte ich auch meinen ersten Baum fällen: eine Rottanne. Da ich mich privat sehr für die Natur und für Bäume interessiere, habe ich das Gefühl, bei Bernhard genau richtig zu sein. So kann ich mein theoretisches Wissen in das praktische, das mir gefehlt hat, umsetzen. Am liebsten wäre ich öfters im Wald und würde auch gerne einiges über die Jagd erfahren, die mich sehr fasziniert.

Zum Jagen gehört natürlich auch das Spiegeln (durch das Fernglas die Umgebung erkunden, das Beobachten und das Aufspüren von Tieren, von Wild, oder Beobachtung im Allgemeinen). Wie wichtig das Spiegeln hier in der Umgebung ist, habe ich schnell bemerkt. Wenn ich in Zürich so spiegeln würde, wie ich es hier tue, dann wäre die Polizei schon lange vor meiner Türe. Beim Arbeiten im Wald kann ich auf Schuders mit dem Fernglas rüberspiegeln und wenn ich wieder zuhause bei Bernhard bin, kann ich von meinem Zimmer aus auf unser Arbeitsgebiet spiegeln und sehen, wie viel wir heute abgeholzt haben.

Wenn ich wieder mit den Fellows zusammen bin, dann spiegle ich vom Pfrundhaus aus mehrmals am Tag, um zu schauen, wie weit Bernhard und die zwei weitere Forstarbeiter David und Claudio heute gekommen sind und wie viele Meter ich das nächste Mal den Hang hinauflaufen muss.

Durch das Spiegeln habe ich eine andere Raumvorstellung entwickelt als die, die ich mir beim Fotografieren angeeignet habe. So langsam fange ich an, zu begreifen, was ich in Schuders machen möchte und kann jetzt schon sagen, dass das Leben und Arbeiten bei meiner Gastfamilie mir ungemein dabei hilft.

 

 

 

 

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