Ein Fliegenpilz ist ein Fliegenpilz.[Dichothymian]

Ich bin in Schuders, Prättigau, Graubünden, seit einer knappen Woche.

Habe geheut und gezäunt, Muskelkater, Salsiz und geliehene Wanderschuhe bekommen.

Ich habe gelernt, dass die Leitziege sich nachts am höchsten Punkt platziert, einen Blog erstellen bei langsamer Internetverbindung Nerven kostet und Feldstechern eine wichtige soziale Funktion zukommen kann.

Aber eine Sache habe ich noch nicht gelernt, obwohl ich konstant daran arbeite – und die hat in gewisser Weise mit Fliegenpilzen zu tun.

Wie es dazu kam, dass mich ein Fliegenpilz – genauer gesagt: das Bild eines Fliegenpilzes –  seit Tagen immer wieder beschäftigt:

Ich heisse Dorothea Mildenberger, bin 26 Jahre alt, habe in Zürich Theaterpädagogik studiert und bin seit einem Jahr Studentin der Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste. Wie ich mein Studium beschreibe, variiert je nach Gegenüber, Situation und Lust – im Moment würde ich es folgendermassen beschreiben: es gibt mir die Möglichkeit, mich in neuer Art und Weise mit Themen auseinanderzusetzen, die mich schon länger beschäftigen und gibt mir immer wieder Impulse, Neues auszuprobieren, ohne das genaue Ergebnis vorher zu kennen.

Diese Ergebnisoffenheit begegnet mir auch hier in der Zukunftsakademie Rätikon: Sechs sogenannte Fellows aus den Künsten und der Architektur wohnen drei Wochen lang bei Menschen in Schuders, arbeiten zwei Tage in der Woche bei ihren GastgeberInnen und machen ansonsten – ja, was eigentlich? Von aussen primär: in der ehemaligen Dorfschule kochen, auf der Terrasse rauchen, an ihren silberglänzenden PCs sitzen und zwischendrin in der Gruppe diskutieren und an die Schultafel schreiben. Aber es steckt mehr dahinter…

Was bei mir gedanklich während dieser Zeit passiert, ist im Moment noch ein – dem aktuellen Wetter entsprechender – Nebel aus Ideen und Anknüpfungspunkten, die sich treffen und wieder verlieren. Es tauchen Begriffe auf, die ich zu überdenken habe: Unabhängigkeit, Nachhaltigkeit, Zivilisation, Identität, Dorfgemeinschaft, Wetter, Wissensaustausch, Kultur, Künste und weitere. Und immer wieder dieses Fliegenpilzmotiv (hier aus meinem Notizbuch  am zweiten Tag in Schuders):

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wie ein Fliegenpilz für mich aussah (als Kind) – wie ein Fliegenpilz für mich aussieht (jetzt)

Was hier für mich relevant erscheint, ist nicht der veränderte Blick auf ein und dieselbe Sache (das finde ich ja wünschenswert!), sondern die getrennt platzierten Bilder, die ein unvereinbares „so“ oder „so“vermitteln. Eine wiederholt auftauchende Gegenüberstellung zweier Dinge, die ein Dazwischen/Darüber/Daneben ausblendet. Und in meinem Denken erscheinen ungewollt gehäuft diese Kategorisierungen: Stadt ODER Land, traditionell ODER zukunftsorientiert, Kultur ODER Natur, gewinnorientiert ODER erstrebenswert, für das Dorf ODER für die Kunst…

Dank des Austauschs mit meinen Mit-Fellows, des Inputs von Jens Badura und all dem, was mir hier so täglich begegnet, gewinnt das Dazwischen immer mehr an Bedeutung und ermöglich Ideen, die eine simple Zweiteilung gar nicht zulassen würde.

Daraus ist zwar noch kein fertiges und klar umzusetzendes Projekt entstanden, aber: es wächst!

Deshalb: weiterdenken, weiterreden, weitermachen!

Und dabei im Hinterkopf:

Zwischen Fliegenpilz und Fliegenpilz liegen unzählige zu beachtende Möglichkeiten.

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