Gedanken von der Leine

Heute frage ich mich wie so oft in den letzten Tagen was dieses Schuders ausmacht, woher dieser unverwechselbare Charme, diese zuweilen an Geschichtsvergessenheit und Zukunftsverneinung schrammende soziale Plastik herrührt. Dieses Dorf, an dessen Mäntelchen schon ein beträchtliches politisches Handlungsspektrum durchdekliniert wurde, es weigert sich mit breiter Brust gegen die allmählich demografische Schrumpfung: GEGENSTEUERN durch infrastrukturelle Leistungen im Giesskannenprinzip (lies: Wiedererbauung der Zufahrtsstrasse nach verheerenden Erdrutschen, Bau der Salginatobelbrücke), ANPASSEN durch die Ausdünnung des Postautokurses und der Schliessung der Schule und jüngst ERMÖGLICHEN nach dem Leuchtturmprinzip (lies: gezielte Förderung von Stärken in Land- und Forstwirtschaft, Zementierung von Stabilitätszentren wie Kirchgemeinde und Jagdwesen).

Könnte der nächste Schritt wirklich darin bestehen, Kunst- und Kulturschaffenden die Rolle als Impulsgeber neuer oder bisweilen ungedachter Entwicklungen zuzuteilen, um dadurch eine Revitalisierung des ländlichen Lebens auf der Mikroebene zu erreichen?

Es waren lediglich Erzählungen meiner Grossmutter, die in den Fünfzigern zwecks Hochzeit ihrer älteren Schwester Schuders erklomm, aus denen ich mir – neun Tage ist es mittlerweile her – Bilder dieses Dorfes in meinem Kopf zusammenzimmerte. Die Vorstellung bestand aus weit verstreuten Gehöften, holprigen Strassen, sonnengegerbten Gesichtern und viel, ja richtig viel Duft von wohlbeissendem Pfeifentabak in der dünnen Bergluft. Mehr oder minder eine Projektion oder einKontrastraum dessen, was ich als Wahlstädter in meinem natürlichen Habitat vermisste. Auf dem Berg angekommen, verliefen zwar Imagination und Realität nicht deckungsgleich, aber die Versprechen Traditionsverbundenheit, Übersichtlichkeit, Ruhe und Eintracht lösten sich rasch ein.

Die Praxis des Schnitt- und Andockstellensuchens, um konkrete, positive Impulse zu setzen, liegt mir als Kulturwissenschaftler und im Fährwasser des Masters Transdisziplinarität Rudernder nahe. Trotzdem hadere ich im Zeichendickicht des Bergdorfmilieus noch immer mit (hoffentlich) gewichtigen Fragen:

– Wie Kultur in der Bergregion denken, die nicht nur repräsentiert, sondern vermittelt, aushandelt, experimentiert?

– Wo suchen nach unentdeckten oder unbeachteten Potentialen ästhetischer Qualitäten?

– Was tun, um den Nachhaltigkeitsdiskurs in der lokal-individuellen Perspektive stärker zu verankern?

Gegensteuern, Anpassen, Ermöglichen aus allen Rohren. Aber erstmal Wäsche in den Nebel hängen. Fortsetzung folgt.

_DSC0656 Kopie

 

 

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