Schule als Kristallisationskern für kulturelle und produktive Differenz – ein Konzept

In Schuders ist es verdammt still.

Als ich gemeinsam mit Jelena nach 12 Tagen in Schuders erstmals wieder ins Auto gestiegen bin, um in anderen Dörfern etwas vergleichende Turbo-Soziologie anzustellen (Wir nennen das Autosoziologie, ein Beitrag folgt bald), ist uns das so richtig bewusstgeworden. Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es hier in Schuders, so wie an vielen anderen Orten ausserhalb des urbanen Wirkungsfeldes keine Volksschule mehr. Der Lärm und Pausenrythmus der Schule fehlen, Schule suggeriert ja rein durch Ihre Existenz ein lebhaftes Dorfleben, sie wirkt als Sinnbild der Zukunftsfähigkeit.

Gerade Menschen mit Ambitionen, gerade gut gebildete Menschen ziehen ins Tal oder in die Stadt. Diese Leute kommen dann vielleicht zurück, wenn die Kinder aus dem Haus sind, um an diesem wunderschönen Ort ihren Lebensabend zu verbringen. In dieser Form wird natürlich auch in Zukunft keine produktive Wertschöpfung entstehen. Wenn die Entwicklung sich so fortsetzt gibt es hier bald ein reines Wohndorf mit einzelnen Ferienhäusern und zwei bis drei Bauernbetrieben, gearbeitet wird sonst in den Taldörfern oder in der nächsten größeren Stadt. Das kann ja grundsätzlich auch so funktionieren, solange die Politik der Agrarsubventionen zum Erhalt der Kulturlandschaftspflege beibehalten wird.

 

Ein Konzept

Wie aber kann man dieser Entwicklung entgegensteuern. Wie kann man einen Ort in der drohenden „alpinen Brache“ aktivieren und attraktiv für Kulturschaffende überhaupt Schaffende aller Art machen.

Das Schulhaus ist eng mit der Identität eines Ortes verknüpft. Ausgehend von der Dorfschule möchten wir einen Ort der Differenz, des Austauschs schaffen. Eine Vermischung urbanen und ländlichen Lebens. Verlassene Schulen gibt es in allerorts im Alpenraum, Ziel ist ein Modell des Umbaus und Anbaus, dass sich flexibel auf Orte der „alpinen Brache“ übertragen lässt. Ein Netz dezentraler Bildung und Kulturproduktion.

Wie stellen wir uns dieses Modell vor? Wie kann es seine Rolle als Ort akademischen und kulturellen Schaffens und auch als Ort der Versammlung, des Tauschs, der Identität erfüllen?

Es muss eine der Umgebung angemessene Größe und Präsenz haben.

Unserer Erfahrung im Pfrundhaus nach sollte es einen flexibel genutzten Raum geben, der wahlweise als Vereinslokal, Unterrichtsraum oder auch für das Mittagessen nach dem Sonntagsgottesdienst genutzt werden kann. Eventuell gibt es auch eine Bühne oder zeitweise ein Kino.

Es soll eine Bibliothek geben, die an das schweizweite Hochschulbibliotheksnetzwerk angeschlossen ist, sodass man neben einem Grundstock an Büchern auch schnell spezifische Literatur bestellen kann.

Es gibt eine Unterkunft für Schriftsteller, Masterarbeitsschreibende, Künstler.

Dafür muss es natürlich zuverlässige IT-Infrastruktur geben. Internetzugang, Drucker Scanner…

Dieses Dorf- und Kulturzentrum könnte dann auch Anreiz für weitere kulturelle Produktion sein. Gerade die Tatsache, dass ein Ort wie Schuders nicht vom Anziehungsfeld der Städte aufgesogen wurde, dass soziale und weitgehend auch kulturlandschaftliche Strukturen erhalten geblieben sind, gerade dadurch, dass es keinen nennenswerten Tourismus gibt, also durch all das, was einen Ort „strukturschwach“ macht, wird er auch für Viele zum Sehnsuchtsort. Es gibt zu Hauf ungenutzte Ställe die sich in einen Ort der Arbeit und des Lebens transformieren liessen. Das Fehlen von Nahversorgung ist hierbei dank der allgemein guten Erschliessung kaum ein Problem, Zugang zu Literatur, einer guten Internetverbindung und die Möglichkeit der Diskussion und des Austauschs sind dabei aber unerlässlich.

 

Leopold Strobl, frischgebackener Architekt ETH und absoluter Dorflebensneuling. Seit zwei Wochen in Schuders und die ganze Zeit am Schauen und verstehen versuchen.

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