Einige Worte zur Zukunftsakademie Rätikon

Einige abschliessende Worte zur Zukunftsakademie Rätikon

[von Dorothea Mildenberger]

VERSE

[Einleitungsteil//bringt die Handlung voran//was ich GETAN habe]

Für die Dauer des Projektes habe ich bei Menschen aus Schuders gewohnt und regelmässig deren Alltag geteilt. Ich habe jeweils zwei Tage in der Woche mit ihnen gearbeitet und Ziegenzäune gesteckt, Kartoffeln geerntet, geheut, Holz geschichtet und vieles mehr. Und habe während des Pilzerüstens oder Mittagessens mit Ihnen über Pädagogik, alternative Heilmethoden, künstlerische Herangehensweisen, Nachbarschaftlichkeit, Vorurteile, Nacktschnecken, Lästern und Barfusslaufen geredet und dabei viel zugehört.

Zudem haben meine Mit-Fellows und ich das leerstehende Schulhaus und sogenannte „Pfrundhaus“ bevölkert und zu einem Arbeits-, Lebens-, Denk-, Koch, Diskussions-, Kaffee- und Beizort gemacht.

Einer teilweise spürbaren Skepsis gegenüber diesen „Künstlern“ (zitiert und deshalb ungegendert) und ihrem durchs Fernglas gut zu beobachtende Rumsitzen, Reden und Rauchen sind wir mit offensiver Offenheit begegnet. Wir haben jede Woche zu offenen Werkstätten eingeladen, unsere aktuellen Tätigkeiten und Gedanken täglich auf dem Blog geteilt, jeden Freitag eine Besenbeiz veranstaltet und haben versucht, mit Allen ins Gespräch zu kommen und Niemandem voreingenommen zu begegnen. Wir wurden von mancher Seite zum Brunch oder Bier eingeladen und von anderer Seite wenig beachtet, wenn auch sicherlich beobachtet.

VERSE – Seite 25 aus dem Notizbuch

CHORUS

[sich immer wiederholender Teil//einprägsame „Hook“//, was ich GELERNT habe]

Durch meinen Aufenthalt in Schuders hat sich mein Blick auf ein Thema besonders verschoben: die Jagd. Eine Materie, die mir in meinem Alltag höchstens peripher begegnet, hat in Schuders eine immense Wichtigkeit und dazu geführt, dass ich in Alltagsgesprächen Dinge erfahren habe wie: einem erschossenen Wildtier wird in respektvoller Geste als letzte Nahrung Grünzeug in den Mund gesteckt oder: ein guter Jäger beobachtet die Tiere teilweise jahrelang und weiss genau, welches er wann schiesst oder: wer kurz vor Jagdbeginn eine Abschlusspräsentation plant, muss mit geringeren Besucherzahlen rechnen oder: in der Jagdsaison wird aufgrund von einigen Promille schon mal ein Mähdrescher angeschossen…

Aber auch abgesehen davon habe ich verschiedene gedankliche Verschiebungen erlebt. Nicht nur das Thema der Dichotomie, der ich einen ganzen Blogeintrag gewidmet habe, sondern vor allem ein Neudenken gewisser Begriffe, die mir vorher eindeutiger erschienen, aber jetzt eine Mehrdimensionalität erhalten haben. Um einige zu nennen: Zivilisation, Dorfgemeinschaft, Wetter, Natur, Kultur, Wissensaustausch, Unabhängigkeit, Nachhaltigkeit, Tradition, Künste, Fremdheit.

Diesen Blickwechsel auf Gekannt-Geglaubtes kann ich so eindeutig natürlich nur bei mir feststellen, ich hoffe aber, dass er auch bei anderen Beteiligten stattgefunden hat. Dass durch unsere Handlungen und unser Präsentsein Irritationen entstehen durften, die sich im besten Fall von einem „so ist es“ zu einem „es kann gestaltet werden“ entwickeln. Und dieses „es“ kann von der Nutzung des Dorfbrunnens bis zur Welt an sich reichen.

CHORUS – Seite 26 aus dem Notizbuch

 BRIDGE

[überleitender Formteil//was ich GEDACHT habe]

Eine brückenhafte Funktion zwischen den gerahmten Wochen der „Zukunftsakademie Rätikon“ in Schuders und einer wie auch immer gearteten Zukunft können die Ideen einnehmen, die im Laufe dieser Zeit entstanden sind. Nach einem Moment der kollektiven Demotivation innerhalb der Fellows ob der geringen Greifbarkeit unserer Arbeit nach zwei Wochen haben wir ein Ideen-Glossar begonnen und mit allen Ideen gespeist, die entstanden waren. Unabhängig davon, wer sie formuliert hatte oder wie realistisch sie schienen. So haben wir jetzt ein Glossar mit 41 Ideen von „Algenzucht“ bis „Zentrum für digitale Nomaden“.

Punkt 15 dieser Liste ist das sogenannte „Institut für Umnutzung“, dem ich eine grosse Realitäts-Geburts-Chance einräume:

Ähnlich unserem Wirken im „Pfrundhaus“ Schuders werden wir andere leerstehende Dorfschulhäuser suchen und gemeinsam mit den Gemeinden eine Plattform aufbauen, um die Häuser umzunutzen, sodass sie wieder zu lebendigen Orten des Wissensaustauschs werden können. Hochschulen, WissenschaftlerInnen, AutorInnen, MusikerInnen und weitere werden Zeit in den Schulen verbringen und dort Alben aufnehmen, Dissertationen schreiben, Seminare geben ohne sich jedoch von den Menschen vor Ort abzukapseln. Durch regelmässige offene Werkstätten und andere Arten des Austauschs unterscheidet sich das „Institut für Umnutzung“ von regulären Residency-Programmen.

 BRIDGE – Seite 112 aus dem Notizbuch

 

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